Betrug oder ganz schön clever? Wie sich eine Musikerszene selbst reich macht.

Screenshot vom Video: Der Rap Hack

Über Nacht mit gekauften Klicks zum Megastar

Am 23. Mai 2019 geht ein hörbares Raunen durch Deutschlands Musikszene. Der mehrfach ausgezeichnete YouTube-Kanal Y-Kollektiv veröffentlicht das Video „Der Rap Hack: Kauf Dich in die Charts! Wie Klickzahlen manipuliert werden“. Die Reportage zeichnet in aller Deutlichkeit ein Bild moderner Geschäftsleute, die sich Fehler scheinbar überforderter Systeme eindrucksvoll zu Nutze machen.

Y-Kollektiv ist nicht irgendjemand

Hinter dem deutschen YouTube-Kanal Y-Kollektiv steckt das Content-Netzwerk funk, welches gemeinsam von ARD und ZDF und somit aus öffentlich-rechtlichen Geldern getragen wird. Der junge Kanal heimst seit einigen Jahren in aller Regelmäßigkeit renommierte Preise für seine Produktionen ein und bringt es auf stattliche 473.000 Abonnenten. „Der Rap-Hack“ erreichte inzwischen weit mehr als zwei Millionen Aufrufe bei YouTube. Selbstverständlich ließen die Resonanzen auf die Recherchen des Reporters Ilhan Coskun nicht lange auf sich warten. Es wäre auch seltsam, wenn gegenüber der Ausführungen eines der vermeintlichen Drahtziehers der Manipulation keine Kritik laut würde. Doch allein die Möglichkeit, Aufrufzahlen von Inhalten im Internet künstlich in die Höhe zu treiben, wirft interessante Fragen auf.

Über Nacht zum Rapstar

Während die erfolgreichsten Musikvideos von Herbert Grönemeyer bei YouTube irgendwo zwischen vier und zehn Millionen Aufrufen herumdümpeln, bringt es die neue Generation aus dem Segment Deutscher Sprechgesang innerhalb weniger Monate regelmäßig auf mehr als 40 Millionen Klicks. Vor allem der Streamingdienst Spotify spielt in der gut 20-minütigen Reportage des Teams um das Y-Kollektiv eine wesentliche Rolle. Der ominöse Klickzahlenfälscher tritt unter dem Decknamen Kai auf und fügt sich hervorragend in das dubiose Bild ein. Komplett vermummt spricht er extrem offenherzig über seine Arbeit. Interessant wird es vor allem immer dann, wenn Kai direkte Einblicke in Tools und Arbeitsabläufe gestattet. So wird im Hintergrund mal eine Liste unzähliger gehackter Spotify-Accounts sichtbar, mal beginnen sich nach dem Start eines Computerprogramms zig Fenster zu öffnen und voll automatisiert Playlists in Dauerschleife zu spielen. Für 50.000 Euro könne ein Künstler sich bei ihm durch generierte Abrufzahlen eine Goldene Schallplatte kaufen, so Kai.

Die größten Namen der Szene sollen den Service bereits genutzt haben

Laut Kai sollen die fünf erfolgreichsten Rapper Deutschlands seinen Service direkt oder indirekt, wissentlich oder unwissentlich für ihre Zwecke genutzt haben. Dabei wird ganz konkret ein Ziel verfolgt: Es geht um Geld. Anhand der Profilseite des Rappers Mero zeigt der Hacker Indizien auf, die darauf schließen lassen, dass es sich bei den angeführten Streamingzahlen um gekaufte Aufrufe handeln könnte. Mero ist ein 19jähriger Newcomer, der Ende 2018 mit seiner Debütsingle aus dem Stand Platz eins der deutschen Singlecharts erreichte. In der Tat sind nicht nur die Aufrufzahlen des Rappers imposant. Nahezu jeder Titel des Albums weist eine Spieldauer von zweieinhalb Minuten auf. Optimal für eine Dauerschleife.

Ein Reporter wird zum Geschäftsmann „Error281“

Als Error281 wird Ilhan Coskun im Verlauf der Reportage zum waschechten Rapper. In einem Bremer Tonstudio lässt er den Song 8K produzieren. Auch ein passendes Rapvideo mit reichlich Bling-Bling wird kurzerhand abgedreht. Klickverkäufer Kai sorgt unter anderem auf den Plattformen von Instagram, Spotify und YouTube für das nötige Feuerwerk. Innerhalb kürzester Zeit erreicht der Pseudorapper Error281 tatsächlich respektable Aufrufzahlen auf den wesentlichen Kanälen. Sollte es sich im modernen Geschäft um den deutschen Hip Hop tatsächlich um gezielte Manipulation im großen Stil handeln, so bewegt man sich hier rechtlich sicherlich in einem recht grauen Bereich. Hacker Kai errechnet am Beispiel Mero Einkünfte von 256.000 Dollar. Und das nur auf der Plattform Spotify, mit nur einem einzigen Song. Doch während YouTube es scheinbar besser gelingt, gefälschte Aufrufe herauszufiltern, passiert in dieser Hinsicht beim Streamingdienst Spotify bislang nicht besonders viel.

Dass Charts manipuliert wurden, gab es auch vor 30 Jahren schon. Ist es aber nun Betrug oder einfach nur clever, wenn sich die Geschäftsleute von heute modernerer Mittel bedienen?

1 Kommentar

  1. Ja, dass ist wieder ein Fall von, Zitat: „Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast“ (Winston Churchill). Ich möchte nicht wissen, was noch alles heutzutage manipuliert ist. Vielleicht ist die Tatsache, dass irgendwann alles ans Licht kommt, etwas beruhigend.

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