Das Ende der Knappheit?

Künstlerische Darstellung, Kommunikation einer vernetzten Welt.
Künstlerische Darstellung ,Kommunikation einer vernetzten Welt.

Der Ökonom Jeremy Rifkin macht mit der These Furore, das Internet befördere eine Kultur des Teilens.

Diese werde die Kultur des Besitzens und damit letztlich die Marktwirtschaft ablösen.

Rifkins Buch
Jeremy Rifkin berät Regierungen, Unternehmen und ist ein produktiver Verfasser zeit-diagnostischer Bücher. 2014 ist sein Buch erschienen: „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge – Kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus“.

Rifkins Thesen
Die Thesen Rifkins können wie folgt zusammengefasst werden: Wir stehen am Anfang einer Ära, in der im Verlauf von wenigen Jahrzehnten die Produktionskosten von Waren und Dienstleistungen auf „fast Null“ sinken werden. Damit verschwindet auch der kapitalistische Profit. Eine Ursache dieser Revolution ist das „Internet der Dinge“, das es der Menschheit mittels solcher Maschinen wie 3D-Druckern ermöglicht, Waren, aber auch viele Dienstleistungen fast ohne menschliche Arbeit zu erzeugen. Die Psyche des Menschen wird sich dieser Welt anpassen. Aus Menschen, die am Eigentum hängen, werden Menschen, die sich die Dinge durch gemeinsamen Gebrauch teilen. Aus Menschen, die à la Homo oeconomicus vor allem auf ihr eigenes Wohl bedacht sind, werden Menschen, die sich als Teil einer Gemeinschaft von Altruisten sehen und entsprechend primär im Interesse der Gemeinschaft denken und handeln, der sie angehören.

Rifkins System der Allmende
So wird das auf dem Eigennutz basierende System der Marktwirtschaft weitgehend abgelöst durch ein auf Empathie beruhendes System der Allmende, in der alle Mitglieder und alle Objekte freien Zugang haben, aber mit diesem Recht verantwortlich und gemeinnützig umgehen. Die Empathie erstreckt sich auch auf die umgebende Tier- und Pflanzenwelt. Daher lebt die Menschheit dann in Harmonie mit der Biosphäre, ohne dass hierbei das Knappheitsproblem noch eine Rolle spielt.

Diese Prophezeiung erinnert an die klassenlose Gesellschaft von Marx, in der es weder Markt noch Staat gibt. Anders als bei Marx liegt bei Rifkin zwischen dem Status quo und der Zukunft jedoch kein Zustand der Zentralverwaltungswirtschaft unter der Doktrin des Proletariats.

Rifkins Stufentheorie
Der theoretische Ansatz, der Rifkin zu diesen Thesen führt, ist eine Art Stufentheorie der Menschheitsgeschichte. Für derartige Stufentheorien gibt es zahlreiche Vorbilder in der Theoriegeschichte. Die Stufentheorie Rifkins baut auf der These auf, dass es die jeweilige Energiequelle und die jeweils verfügbare Kommunikationstechnologie sind, die die Wirtschaftsweise eines Zeitalters bestimmen. In der Moderne ist die „erste industrielle Revolution“ durch die Steinkohle als Energiequelle und die Technik des Buchdrucks für Massenauflagen bestimmt. Die „zweite industrielle Revolution“ wird verursacht durch die Verfügbarkeit von Elektrizität und durch Telegraph und Telefon. Die heute anhebende „dritte industrielle Revolution“ basiert auf dem Übergang zu erneuerbaren Energien und der Revolutionierung der Kommunikation im Zusammenhang mit dem Internet.

Den jeweils verfügbaren Netzwerken der Energieversorgung und der Kommunikation passen sich die Wirtschaftsformen an. Der Kapitalismus ist in seiner frühen Form die Wirtschaftsweise, die auf der Kohle und auf der Drucktechnik aufbaut. Dadurch können Eisenbahnnetze entstehen, kann die Kommunikationsinfrastruktur aufgebaut werden, die die Zentralisierung der Produktion und damit deren Rationalisierung ermöglicht. Die Verfügbarkeit von Elektrizität, Erdöl und elektrischer Kommunikation führt zur globalisierten Wirtschaftsverflechtung, welche in den multinationalen Konzernen als den herrschenden Wirtschaftsgebilden gipfelt. Die kapitalistische Wirtschaft ist zunehmend hierarchisch-vertikal organisiert, auch wenn sie sich der Märkte als „lateralem“ Koordinationsmechanismus bedient.

Das nun anbrechende Zeitalter der erneuerbaren Energien und des Internets, also die „dritte industrielle Revolution“, ermöglicht nach Rifkin ein Produktionssystem, in dem letztendlich Waren und Dienstleistungen weitgehend ohne den Einsatz menschlicher Arbeitskraft erzeugt werden können, das daher auch Grenzkosten von nahe null aufweist. Damit zusammenhängend, hat es eine weitgehend laterale, also nicht-hierarchische, nicht-vertikale Koordinationsstruktur. Diese „laterale Koordination“ zwischen den Bürgern verwandelt diese von Konsumenten, die ihre Konsumgüter auf dem Markt erwerben, in „Prosumenten“, die die von ihnen konsumierten Güter in lateraler Kooperation mit anderen Prosumenten überwiegend selbst produzieren und sie damit von kommerziell ausgerichteten Anbietern und Märkten unabhängig machen.

Rifkins Paradebeispiel
Ein Paradebeispiel für dieses Prosumenten-Modell ist für Rifkin der heute rasch wachsende Sektor der Erzeugung von Elektrizität aus Wind und Sonne. Im Gegensatz zu Kohle-, Erdgas- oder Kernkraftwerken sind die Windstrom- und die Solar-Stromerzeugung auf eine große Zahl von Anlagen verteilt. Diese sind vielfach auch im Eigentum von Stromendverbrauchern, sodass hier die Trennung zwischen Anbieter und Nachfrager der Ware immer stärker verschwindet.