Das Tagebuch der Anne-Frank zeigt sich von unbekannter Seite.

Anne Frank als Wachsfigur, Museum in Amsterdam.
Anne Frank als Wachsfigur, Museum in Amsterdam.

Das Tagebuch der Anne Frank gilt als eines der berühmtesten Tagebücher der Weltgeschichte.

Auch in Schulen gehört es zum festen Kanon. Nun haben Wissenschaftler unbekannte Seiten im Buch entdeckt und entziffert. Ihre Veröffentlichung gilt als die große Entdeckung der Forschungen über Anne Frank. Welche neuen Informationen gibt uns das Material über die Person Anne Frank?

Tagebuch gibt geheime Seiten preis

Anne Franks Tagebuch dokumentiert den Lebensweg und die Gedanken eines jüdischen Mädchens zur Zeit des Nationalsozialismus. Die 1929 in Frankfurt am Main geborene Anne Frank lebte während der NS-Zeit mit ihrer Familie in einem Versteck in Amsterdam und führte während dieser Zeit ein Tagebuch. Das Versteck der Familie flog kurz vor Ende des Krieges auf. Anne wurde deportiert und im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet. Das Tagebuch wurde nach Ende des Krieges von ihrem Vater herausgegeben. Es gilt als eines der berühmtesten Dokumente in der Auseinandersetzung mit den Schrecken des Nationalsozialismus. Vor einiger Zeit erregten einige Seiten des Original-Tagebuchs die Aufmerksamkeit von Forschern. Stellen des Buches wurden hier von Anne Frank mit Packpapier überklebt. Mit moderner Technik ist es den Wissenschaftlern gelungen, die darunter liegenden Textpassagen zu entziffern. Es handelt sich um Textmaterial von etwa zwei Seiten, das einen persönlichen Einblick gibt.

Derbe Witze und erwachende Sexualität

Auf den entzifferten Seiten des Tagebuchs zeigt sich das Mädchen als weiblicher Teenager. Einige derbe Witze finden sich im Text ebenso wie Gedanken, in denen sich die aufkeimende Sexualität des Mädchens widerspiegelt. Offenbar waren sie dem Mädchen etwas peinlich und so behalf es sich im Nachhinein mit einer kleinen Korrektur. Da wenig andere Varianten des Löschens zur Verfügung standen, wurden die Passagen gezielt überklebt. Das nun präsentierte Textmaterial zeigt uns Anne Frank von ihrer Seite als ganz normales junges Mädchen. Die Überklebung ist aber auch noch in mindestens einer weiteren Hinsicht bekannt. Möglicherweise war sich die Schreiberin darüber bewusst, dass ihr Tagebuch zu einem späteren Zeitpunkt möglicherweise auch von anderen Menschen gelesen werden könnte und hat aus diesem Grund Passagen getilgt, die ihr peinlich waren. Bei der Anne-Frank-Stiftung hat dies wiederum zu reiflichen Überlegungen darüber geführt, ob man die entzifferten Passagen überhaupt veröffentlichen soll. Die Tatsache, dass das Dokument mittlerweile zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört und die Menschheit einen Anspruch auf ein authentisches Bild des Textkorpus hat, hat die Stiftung schließlich zur Veröffentlichung bewogen.

Wandeln die entdeckten Seiten unser Bild von Anne Frank?

Eine ausführliche Forschungsdebatte gibt es zu den neu veröffentlichten Seiten bislang noch nicht. Sie präsentieren uns eine persönliche Seite von Anne Frank ohne dass sich damit grundsätzlich etwas Wesentliches an der Einschätzung der Person oder des Textdokuments ändern dürfte. Die dokumentierten Witze sind aus dem Milieu der damaligen Zeit bekannt. Offenbar hatte Anne Frank über ihre Gespräche Zugang zur zotigen Humorkultur der besetzten Niederlande. Möglicherweise wurden ihr die derben Witze vom Vater erzählt. Bei den Passagen über Sexualität handelt es sich wiederum nicht nur über die Ausführungen einer Pubertierenden. Für ihr junges Alter beweist Anne Frank eine erstaunlich reflektierte Beobachtungsgabe. Wenn ihr Leben nicht so früh beendet worden wäre, hätte sich daraus auch eine Karriere als Journalistin oder Schriftstellerin ergeben können. Interessant dürften die aufgefundenen Passagen aber vor allem für die Vermittlungsarbeit sein. Gerade bei der Arbeit mit jugendlichen bot das Tagebuch bereits bisher ein wichtiges Arbeitsmaterial. Mit den neu entdeckten Seiten bietet es nun einen weiteren Zugang zur Wahrnehmung des Nationalsozialismus unter weiblichen Jugendlichen. Auch mit Blick auf das Thema Gender geben die Seiten den Wissenschaftlern ein interessantes Arbeitsmaterial an die Hand. Wenn es sich auch nur um kurze Textpassagen handelt, so gibt die Entdeckung dennoch Stoff für neue Diskussionen über Anne Frank.