Der gläserne Mensch in der digitalen Welt.

Künstlerische Darstellung einer unbewussten verknüpften Welt.
Künstlerische Darstellung einer unbewussten verknüpften Welt.

Seit ungefähr 20 Jahren vollzieht sich ein radikaler Wandel in der Gesellschaft.

Bereits vor dem Beginn des neuen Jahrtausends entdeckte man das Internet für sich, welches in einer massiven Enttäuschung in Form der Dotcom-Blase an der Börse endete. Ein fast noch revolutionärerer Schritt aber repräsentiert die Einführung des Smartphones und ständigen Begleiters des Menschen. Es erleichtert uns die Kommunikation über den gesamten Planeten ungemein. Gleichzeitig lassen wir es unbemerkt zu, dass wir uns und unsere Daten verkaufen. Der gläserne Mensch ist schon längst Realität geworden.

Amazon schreitet voran

Nachdem Amazon zum Weltriesen aufgestiegen ist, was den Online-Handel und Versand betrifft, versucht sich der Gigant nun nicht nur in der Lebensmittelbranche als Lieferant. Mit JP Morgan und Berkshire Hathaway soll nun der nächste Schritt erfolgen – eine eigene Krankenversicherung. Vorübergehend soll sie noch nicht gewinnorientiert arbeiten und lediglich den eigenen Mitarbeitern angeboten werden. Ein Technologiekonzern und ein Finanzunternehmen, welche gemeinsame Wege gehen. Das kann für gelungene Innovation sorgen oder auch für die unausweichliche Entwicklung in einen Big Brother is watching you – Zustand. Die Industrie wird, da die Krankenversicherung uns das gesamte Leben begleitet, zum ständigen Überwacher unserer täglichen Vorhaben und Tätigkeiten.

Wer kennt Sie am besten?

Vielleicht sind es Sie selbst oder ein sehr guter Freund von Ihnen. In jedem Falle weiß auch Ihr Smartphone eine Menge über Sie. Nicht wenige haben den ständigen Begleiter, der das Schweizer Taschenmesser als Hosenträger abgelöst hat, immer dabei und eingeschaltet. Die Nutzung einer App kann zweifelsohne Vorteile mit sich bringen, aber bringt auch die Preisgabe der eigenen Daten mit, wenn die obligatorische Frage auftaucht, ob man den AGBs zustimmt. Das Smartphone registriert die Aufenthaltsorte des Besitzers und frägt automatisch gerne nach, ob man eine Bewertung für dieses Restaurant oder jenes Hotel abgeben möchte, welches gerade besucht wurde. Fitness-Apps, um den Bogen zur Krankenversicherung zu spannen, messen bereits verschiedene Gesundheitswerte Ihres Körpers. Diese Transparenz dient jedoch nicht nur Ihnen, sondern womöglich auch den entsprechenden Betreibern beziehungsweise großen Industriekonzernen.

Wir sind freiwillig der gläserne Mensch

Die großen Industriekonzerne könnten sich selbst auf die Schulter klopfen und mit Freude erkennen, dass sie keine zusätzliche Arbeit investieren müssen. Warum? Wir geben unsere Daten bereitwillig preis. Social Media ist ein großes Stichwort. Facebook hat sich in weniger als zehn Jahren zu einem sozialen Netzwerk entwickelt, welches nicht nur mehr als eine Milliarde Menschen verbindet. Facebook ist heute mehr als nur der Austausch von Nachrichten. Es dient mittlerweile als politisches Instrument zur Wahlbeeinflussung oder zur Selbstdarstellung des eigenen Lebens. Viele User definieren sich über Facebook, posten Fotos des Essens oder vom Urlaub und sorgen damit (unfreiwillig?) für die Preisgabe eines ihrer größten Schätze: ihrer Intimsphäre.

The Circle lässt grüßen

Im Jahre 2013 verfasst der Schriftsteller Dave Eggers das Buch „The Circle“. In diesem beschreibt er, eingebettet in einer Geschichte um eine Angestellte, welche bei jenem Unternehmen beginnt, wie aus Transparenz und Überwachung rasch die soziale Kontrolle durch ein einziges Unternehmen entstehen kann. Die Menschen besitzen dabei einen einzigen Account, welcher alles verknüpft. Konten, Versicherungen, Freizeit, Videos, Bilder und so weiter. Umso beunruhigender, wenn man bedenkt, dass Giganten wie Apple, Amazon, Google oder Facebook das Potential dazu haben, zu einem solchen Unternehmen aufzusteigen. Schon jetzt ist es möglich, sich mit dem Facebook-Account bei anderen Websiten zu registrieren. Die Daten werden miteinander verknüpft und somit nimmt Facebook einen weiteren Teil Ihres Lebens ein.

Der gläserne Mensch ist schon längst Realität. Die Frage ist nur, welches Ausmaß diese Entwicklung bei jedem Einzelnen erreichen wird. Wir selbst haben es in der Hand, was wir von uns preisgeben und was nicht. Dabei gibt es noch enorm viele andere Entwicklungen, die eine digitale Transparenz fördern werden, etwa die mögliche Bargeldabschaffung. Das aber stellt ein eigenes Thema dar.