Falschmeldungen als Nachrichten: witzig oder fatal?

"Fake News" Schriftzug auf einer Tafel.
"Fake News" Schriftzug auf einer Tafel.

Zum ersten April haben Falschmeldungen fast weltweit eine lange Tradition.

In Deutschland tun sich besonders Satiremagazine in dieser Disziplin hervor, angeführt vom TV-Format Extra 3 und der Frankfurter Titanic. Die verkündete im Juni 2018 das Ende der Partnerschaft zwischen CDU und CSU, getarnt als Hessischer Rundfunk. Mehrere Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Sender fielen auf diese gut gemachte Falschmeldung herein und verbreiteten sie weiter.

Erheblich humorvoller war vor Jahren die Aktion des Schleswig-holsteinischen Radiosenders RSH (Radio Schleswig-Holstein), der seine Zuhörer gekonnt an die frische Luft schickte. Auf dramatische Weise wurde Live von einem Leck in den Schleusen zum Nord-Ostsee-Kanal berichtet. Die Bürger des nördlichsten Bundeslandes wurden von RSH eindringlich gebeten mit vollen Eimern, Flaschen oder Kanistern an die Kanalufer zu eilen. Denn, so RSH, alle Schleswig-Holsteiner könnten gemeinsam ein Austrocknen des Kanals verhindern. In der Tat fanden sich zahllose Menschen ein, die mit einem breiten Grinsen im Gesicht bei strahlendem Sonnenschein der Aufforderung Folge leisteten und danach einen Spaziergang am Ufer genossen.

Wenn Falschmeldungen Leben zerstören
Während Social-Media-Plattformen wie Twitter oder Instagram sich nicht davor scheuen fragwürdige, beleidigende oder anrüchige Postings zu entfernen und gegebenenfalls auch den Inhaber des betreffenden Accounts zu sperren, tut sich bislang Facebook damit bekanntlich sehr schwer. Dort sind Fake-Accounts in unvorstellbarem Ausmaß vorhanden, mit denen gezielt rassistische, sexuell denunzierende oder politische Propaganda betrieben wird. Unbescholtene Menschen werden gezielt von selbsternannten Richtern mit Falschmeldungen in ein zwielichtiges, teilweise auch in ein kriminelles Licht gestellt.

Facebook reagierte darauf bis 2017 nicht, trotz unzähliger Beschwerden, Bitten der Betroffenen und selbst anwaltliche Schreiben bleiben unbeachtet. Langsam scheint ein Umdenkprozess eingetreten zu sein, denn allein in 2018 hat Facebook nach eigenen Angaben über 800.000 Fake-Accounts gelöscht. Viel zu wenig, sagen Fachleute. Diese schätzen die Zahl der Accounts mit rufschädigenden oder beleidigenden Inhalten auf 30 bis 40 Millionen.

Schaden durch Fake-News kaum abschätzbar
Wie ernst das Problem der Falschmeldungen werden kann, wird gerade auf den Philippinen besonders deutlich. In dem asiatischen Inselstaat mit seinen rund 100.000 Millionen Einwohnern sind fast ebenso viele Facebook-Accounts registriert. Nach der Wahl des neuen Präsidenten Duterte 2017, wurden die ersten Fake-News auf der beliebtesten Social-Media-Plattform der Filipinos gepostet. Das steigerte sich dermaßen, dass fast alle Nachrichtensender, Tageszeitungen, Agenturen und Rundfunkstationen inzwischen mehrfach auf Falschmeldungen hereingefallen sind.
Namhafte Journalisten schlossen sich zu einem neuen Verband im Kampf gegen Fake-News zusammen, die nationale Bundespolizei setzt eine Sonderermittlungskommission ein und die Politik sucht beinahe verzweifelt nach Wegen, um dem destabilisierenden Nachrichtenchaos Herr zu werden. Inzwischen häufen sich Indizien, dass selbst die nationalen Wahlen im Sommer 2017 durch Falschmeldungen wahrscheinlich gezielt beeinflusst wurden. Leidtragende sollen demnach einige Senatoren sein. Außerdem wird vermutet, dass ohne diese Fake-News eine andere Person das Amt des Vizepräsidenten bekleiden würde.

Umfragen bestätigen Gefährdung des gesellschaftlichen Lebens durch Fake-News
Die meisten Internetnutzer auf den Philippinen halten die Lawine gezielter Falschmeldungen für ein ernsthaftes Problem, so lautete der Titel einer Nachricht im landesweiten Sender ABS-CBN vom 13. Juni 2018. Die Meldung beruht auf einer veröffentlichten Umfrage der Social Weather Stations der Philippinen.

Demnach nutzten 2006 lediglich 9% der Erwachsenen Filipinos das Internet. Im März 2018 waren es bereits 42% – Tendenz rapide steigend. Rund ein Drittel beschäftigt sich mindestens drei Stunden täglich in der digitalen Welt.

Inzwischen haben zumindest mehr als zwei Drittel der Filipinos erkannt, dass die Masse und die immer ausgefeiltere Qualität der Fake-News zum ernsten nationalen Problem geworden ist. Einige Falschmeldungen lassen sich selbst von Fachleuten nicht ohne Weiteres von echten Nachrichten unterscheiden. Derweil wurden von mehreren Organisationen und Behörden ähnliche Meinungsumfragen initiiert, die tendenziell alle zum gleichen Ergebnis kommen.

Gezielte Kampagnen gegen Politiker
Nach langem Schweigen hat sich am 26. Mai 2018 die amtierende Vizepräsidentin der Philippinen erstmalig zu den Meldungen über ihre Person in den sozialen Medien geäußert. Hartnäckig wurden immer wieder neue Beweise zum tödlichen Flugzeugabsturz ihres Mannes, dem ehemaligen Innen- und Kommunalsekretärs Jesse Robredo in Falschmeldungen angekündigt. In den Fake-News hieß es weiter, dass anhand der neuen Fakten die Beteiligung von Vizepräsidentin Robredo an der Ermordung Ihres Ehegatten nachweisbar sei. Zudem wurde über anrüchige sexuelle Beziehungen oder Unterschlagung von Steuergeldern durch Robredo berichtet.

Auf die Frage, warum Sie so lange geschwiegen hat, sagte Leni Robredo: „Ich war erschüttert als mir klar wurde, dass, wenn ich nicht antworte, die Leute all das glauben. Wir können ihnen nicht die Schuld dafür geben, weil es das einzige ist, was sie tagtäglich zu lesen bekommen. Deshalb habe ich auch beschlossen, dass ich gegen gefälschte Nachrichten ankämpfen werde.“

Selbst die seriösen Nachrichtenorgane sind sich uneins. Die Tageszeitung The Manila Times verdächtigt am 15. Februar 2018 unter dem Titel „Falschmeldungen in den Philippinen: Hier ist die wahre Geschichte“ pauschal alle Beteiligten bewusst Fake-News zu produzieren; von den Extremisten über die Opposition bis zum Präsidenten persönlich. Andere Magazine äußern sich dezenter, eher neutral oder sprechen gezielt Vermutungen aus, die sich nicht sehr von den Falschmeldungen unterscheiden.

Regierung lässt Facebook-Verantwortliche antreten
Die Regierung in Manila hat Ende 2017 ein deutliches Machtwort gesprochen, gerichtet an die Manager von Facebook. Daraufhin wurden mehrere Websites mit Falschinformationen, Fake-News und gefälschten Bildern oder Videos auf Facebook blockiert. Dies wird von der Regierung und von Medien wie dem STAR bestätigt, der seit Beginn der Flut gegen die Falschmeldungen ankämpft.

Die Maßnahmen auf Facebook gehen mittlerweile so weit, das Account-Inhaber über die Unrechtmäßigkeit informiert werden, haben sie einen gesperrten Beitrag zuvor geteilt. Benutzer, die Inhalte von den gesperrten Websites teilen wollen, erhalten Nachrichten, die sie über Sicherheitsprobleme oder die Verletzung von Community-Standards informieren.

Fragwürdig erscheint allerdings der Prozess, mit dem Accounts mit gefälschten Nachrichten identifiziert werden. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, das primär die Nachrichtenseiten von Facebook blockiert wurden, die zuvor von der Katholischen Bischofskonferenz der Philippinen als Verbreiter von Falschmeldungen identifiziert und in einer Liste veröffentlicht worden waren.

Das auf den Philippinen gebräuchliche Collins Dictionary wählte den Begriff „Fake-News“, Falschmeldungen zum Wort des Jahres für 2017. Im Wörterbuch werden seither Fake-News als „falsche, oft sensationelle, unter dem Deckmantel der Nachrichten-Berichterstattung verbreitete Informationen“ definiert.

Wie ernst das Problem ist wurde klar, als Facebook im Mai 2018 bekannt gab, dass „Vera Files-Accounts“ und Accounts des Magazins „Rappler“ für ein „Third-Party Fact-Checking-Programm“ auf den Philippinen angezapft wurden. Dadurch sollten Verbreiter falscher Nachrichten unter philippinischen Nutzern identifiziert werden. „Wir engagieren uns dafür, die Verbreitung falscher Nachrichten und Fehlinformationen an mehreren Fronten zu bekämpfen, indem wir eine Vielzahl von Tools und Taktiken einsetzen“, sagte Clair Deevy, Facebook Director für Community Affairs für den asiatisch-pazifischen Raum.