Forscherteam sichert dem Neandertaler die Urheberrechte für frühe Kunst.

Die Höhlen von Lascaux, "Saal der Stiere".
Die Höhlen von Lascaux, "Saal der Stiere".

Frühe Kunst im Zeitalter der Neandertaler.

Ein internationales Forscherteam lies die Entstehungszeit künstlerischer Artefakte und Höhlenmalereien mit einer modernen Art der radiometrischen Datierung überprüft. Das überraschende Ergebnis: Sie stammen aus der Zeit der Neandertaler. Dabei hatte man bislang angenommen, dass es erst der moderne Mensch zu künstlerische Arbeit schaffte. Jetzt muss die Geschichte umgeschrieben werden.

Forscherteam datiert frühe Kunstwerke

Die bildende Gestaltung von Kunst wurde in der Forschung bislang als eine Eigenschaft gesehen, die erst der moderne Mensch entwickelte. Lange Zeit nahm man an, dass erst er aus rein ästhetischen Gründen kreativ tätig wurde. Die schönen Künste wurden auf einer hohen Entwicklungsstufe angesiedelt, den Vorfahren des homo sapiens gestand man sie nicht zu. Die Lehrbuchmeinung vertrat entsprechend die Position, dass erst der moderne Mensch eine spezifische Vorliebe für die zweckfreie Gestaltung und Schönheit entwickle. Eine Reihe von Forschern hatte entgegen dieser Position in den letzten Jahren bereits die Vermutung geäußert, dass auch der Neandertaler bereits schöpferisch tätig war. Belegen konnten sie diese Vermutung jedoch nicht. Ein internationales Forscherteam, bei dem auch Dirk Hoffmann (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie) mitarbeitet, sorgte jetzt mit seinen Forschungsergebnissen für Aufsehen in der Wissenschaft.

Radio-metrische Datierung gibt Aufschluss über Entstehungszeit

Mit einer modernen Form der radiometrischen Datierung haben die Forscher eine Vielzahl von künstlerischen Artefakten untersucht. Die Datierungsmethode basiert auf der Messung des Zerfalls von radioaktiven Isotopen. Aus ihm lassen sich entsprechende Rückschlüsse auf die Entstehungszeit eines Gegenstands treffen. Die Forscher haben diese Technik bei Höhlenmalereien in unterschiedlichen Regionen Spaniens angewandt – und mit ihr deren Entstehungszeit datiert. Das Ergebnis: Die Malereien entstanden noch lange bevor der moderne Mensch in die Region eingewandert ist. Die Urheberschaft der Höhlenmalereien muss damit bei den Neandertalern dieser Region liegen. Ergebnisse ihrer Forschung haben sie kürzlich in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht. Die Geschichtsschreibung über die Entstehung künstlerischer Schaffensprozesse muss damit zwar nicht komplett umgeschrieben werden, aber sie weitet sich ganz beträchtlich aus.

Die Kunst ist älter als gedacht

Immer wieder haben Jahrtausende alte künstlerische Artefakte und Höhlenmalereien das Aufsehen auf sich gezogen. Zu den bekanntesten Beispielen gehören die Venus von Willendorf oder die Höhle von Lascaux. Sowohl die vor gut 30.000 Jahren entstandene Venus-Skulptur begeistert bis heute viele Menschen in aller Welt, wie auch die 1940 in Frankreich entdeckte Höhle mit den sagenhaften Malereien viele Kunsthistoriker fasziniert hat. Die Skulptur und die Höhle gehören zum kulturellen Erbe der Menschheit. Schriftsteller wie Georges Bataille haben sich der Faszination dieser uralten Kunstwerke nicht entziehen können. Offenbar entwickelte der Mensch bereits vor vielen Jahrtausenden das Bedürfnis, sich durch kreative Schaffensprozesse auszudrücken. Die bloße Abbildung der Wirklichkeit alleine war ihm schon damals nicht genug. Doch nicht nur der moderne Mensch, auch der Neandertaler war bereits zu solchen Schaffensprozessen fähig. Das bestätigen die jetzt veröffentlichten Ergebnisses. Sie werfen viele Fragen auf, die auch in der Kunstgeschichte für eine neue Debatte sorgen könnten.