Jugendämter heillos überfordert!

Jugendämter sind überfordert.
Jugendämter sind überfordert.

Aktuelle Studien zeigen, dass deutsche Jugendämter derzeit überfordert sind.

Es gibt viel zu wenige Mitarbeiter bei zu vielen Kindern. Im Schnitt muss sich ein Angestellter um gut 100 Kinder kümmern, von denen jedes Einzelne ein hohes Maß an Aufmerksamkeit benötigt. Laut offizieller Empfehlung sollte ein Mitarbeiter maximal 35 Kinder gleichzeitig betreuen. Doch die abstrusen Fallzahlen sind nicht das einzige Problem vieler Jugendämter.

Aktuelle Situation
Nur selten stehen Jugendämter im Interesse der breiten Öffentlichkeit. Und wenn es doch der Fall ist, dann hat das zumeist einen triftigen Grund. Verwahrloste oder misshandelte kleine Kinder, tote Säuglinge oder missbrauchte Jugendliche – Tragödien inmitten unserer eigentlich zivilisierten Gesellschaft.

Wissenschaftler aus Koblenz haben aktuell für eine große Studie die Mitarbeiter von Jugendämtern zu ihren Arbeitsbedingungen befragt. Dabei ging es um strukturelle Schwächen im Allgemeinen Sozialen Dienst und Missstände unter den Mitarbeitern. Das Ergebnis fällt erschreckend aus: Die Fallzahlen sind viel zu hoch und das in fast allen Bundesländern. Für Vollzeitstellen sind 35 Kinder zur Betreuung empfohlen, oft handelt es sich um die doppelte bis dreifache Menge, welche auf einzelne Mitarbeiter entfällt. Mehr als 100 Fälle sind in den Bundesländern Baden-Württemberg, Niedersachsen, Berlin und Sachsen. Lediglich in Bremen, Hessen, Hamburg und Brandenburg sind es selten mehr als 50, immer noch ganze 20 Kinder mehr als empfohlen.

Statistische Zahlen belegen Missstände
Dass die Belastung der deutschen Jugendämter viel zu hoch ist, beweisen konkrete Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Im Jahr 2016 wurden in Deutschland rund 84.000 Kinder in Obhut genommen. 2006 waren es gerade einmal rund 26.000 Kinder und damit weniger als ein Drittel. Für den großen Anstieg ist unter anderem die Flüchtlingswelle aus 2015 verantwortlich. Zu dieser Zeit kamen sehr viel Kinder aus dem Ausland, die keine Begleitung hatten und dementsprechend zur Sache der Jugendämter wurden. Die Zahl der Kinder, welche 2014 in Obhut genommen wurden, stieg bis 2015 sprunghaft von 48.000 auf rund 78.000 Kinder.

Wie geht es den Mitarbeiter der Jugendämter?
Wesentlich mehr als die Hälfte der befragten Mitarbeit fühlten sich wesentlich in ihrer täglichen Arbeit eingeschränkt, weil die kommunale Kassenlage so schlecht sei. Laut eigener Aussage können diese befragten Personen gerade einmal ein gutes Drittel ihrer gesamten Arbeitszeit für die Kommunikation mit ihren jungen Klienten verwenden. Dazu gehören neben der intensiven Beratung auch die psychologische Betreuung oder Hausbesuche bei gefährdeten oder hilfsbedürftigen Familien. Ihre übrige Arbeitszeit verbringen die Mitarbeiter mit dringend notwendigen Dokumentationen. Die Dokumentationen dienen in erster Linie der rechtlichen Absicherung und weniger den Kindern selbst.

Auch die Ausstattung in den deutschen Jugendämtern wird von den meisten Mitarbeitern bemängelt. Es fehlen Einzelbüros, obwohl die Gespräche mit den Klienten im Vordergrund stehen ist dazu die Privatsphäre unerlässlich, um das nötige Vertrauen aufzubauen. Außerdem haben die wenigsten befragten Personen ein Diensthandy und ist daher in Notfällen oder während Hausbesuchen nur privat oder gar nicht zu erreichen.

Transfer von Wissen funktioniert unzureichend
Eine der Wissenschaftlerinnen, die an der aktuellen Studie beteiligt ist, bestätigt, dass die Mitarbeiter in den Jugendämtern sehr professionell arbeiten und darüber hinaus durchaus motiviert sind. Allerdings fehlt es an Zeit, um Wissen an neue Kollegen weiterzugeben und sich ausreichend zu vernetzen. Die Einarbeitungszeit ist entweder viel zu kurz, sodass neue Mitarbeiter völlig auf sich alleine gestellt und entsprechend überfordert sind. Manche Neueinsteiger werden überhaupt nicht eingearbeitet. Der Beamtenbund hat erst kürzlich bekannt gegeben, dass mindestens 3.000 Mitarbeiter in deutschen Jugendämtern fehlen. Ein Experte greift sogar noch wesentlich höher und beziffert den Mangel mit 16.000 fehlenden Köpfen. Insgesamt muss momentan jährlich von mehr als einer Million Fälle ausgegangen werden, welche im Sozialen Dienst „abgearbeitet“ werden müssen. Dem gegenüber stehen gerade einmal rund 13.300 Mitarbeiter.