Keine Suppe für Alle – die Entscheidung der Essener Tafel.

Bild von einem Stück Brot.
Bild von einem Stück Brot.

Armut in Deutschland im Jahre 2018

Den Deutschen geht es gut.

So jedenfalls äußert sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel über die gegenwärtige sozioökonomische Lage in Deutschland. Dass dies allerdings bei weitem nicht für alle in Deutschland lebenden Menschen gilt, sollte spätestens seit der neu entbrannten Debatte um die Essener und nun auch die Marler Tafel, wieder verstärkt in das Bewusstsein treten. Tatsächlich sind gar nicht wenige Menschen in Deutschland auf die regelmäßigen Armenspeisungen an den Tafeln angewiesen, deren Zahl innerhalb der letzten zehn Jahre von 200 Tafeln auf über 900 Tafeln in Gesamtdeutschland angestiegen ist.

Erschreckend ist vor allem der Umstand, dass die Tafeln erst zum Gesprächsthema wurden, als der Vorsitzende der Essener Tafel Jörg Sartor die Entscheidung traf, vorübergehend keine weiteren Ausländer bei der Tafel aufzunehmen. Tatsächlich verstößt eine solche Entscheidung durchaus gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz und Jörg Sartor musste sich aus diesem Grunde bereits schwere Kritik gefallen-lassen. Dennoch sollte sich aber vor allem die Frage aufdrängen, weshalb es in einem derart reichen Land wie Deutschland möglich sein kann, dass eine derart große Zahl Menschen tagtäglich auf eine kostenlose Nahrungsversorgung angewiesen ist. Und dass auch hier eben nicht genug für alle vorhanden zu sein scheint, so dass es hier zu weiteren Begrenzungen kommen muss.

Trotz der heftigen Kritik hat sich nun die Tafel in Marl auch noch zu dem selben Schritt entschieden und nimmt ab sofort keine weiteren Ausländer an ihrer Tafel auf. An beiden Tafeln betrug der Ausländeranteil zuletzt circa 75%. Doch ist es wirklich die Frage, wer berechtigt ist, an den Armenspeisungen teilzunehmen? Sollte die Frage nicht viel eher sein, weshalb die Tafeln sich zu solch einem Schritt gezwungen sehen, im Vordergrund stehen? Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht hat hierzu die Frage aufgeworfen, weshalb es überhaupt sein kann, dass in einem reichen Land wie Deutschland so viele Menschen in die Suppenküchen gehen müssen, dass diese den Zugang begrenzen müssen. Natürlich ist die Entscheidung der Leiter der beiden Tafeln höchst streitbar, dennoch lässt sie nun endlich die Tafeln einmal in den Fokus rücken und über sie diskutieren.

Ja, die Armut ist schon lange zurück in Deutschland.

Vorbei sind die Zeiten, in denen in Deutschland vehement das Vorhandensein einer Unterschicht verleugnet wurde, denn diese ist heute definitiv und für alle offensichtlich vorhanden. Auch der berühmte Sozialstrukturwissenschaftler Rainer Geißler hat diese unlängst in seine Sozialstrukturmodelle aufgenommen, wenn auch unter dem Hinweis, dass sich der allgemeine Lebensstandard für alle Schichten verbessert habe.

Tatsache aber ist eben, dass Armut in Deutschland einen nennenswerten Prozentsatz von 19,7% betrifft, die entweder arm sind oder von Armut bedroht. Und nicht nur das jeder Fünfte zumindest von Armut bedroht ist, im Vergleich mit den anderen europäischen Ländern geht es den in Deutschland lebenden Armen sogar am schlechtesten. Gerade Langzeitarbeitslose im Hartz IV-Bezug haben größte Schwierigkeiten mit dem Geld über den Monat zu kommen. Deutschland bildet hier das traurige Schlusslicht in der Armutsstatistik für Arbeitslose in Europa und dass sogar mit weitem Abstand hinter Litauen. Über 70% der Arbeitslosen in Deutschland sind arm oder von Armut bedroht. Viele der neu in Deutschland eingetroffenen Flüchtlinge dürften sich ebenfalls hinter diesen erschreckenden Zahlen verstecken.

Doch warum ist ein reiches Land wie Deutschland nicht in der Lage seiner Verantwortung seinen armen Bewohnern gegenüber zu übernehmen, nicht gewachsen? Warum wird die Verantwortung auf gemeinnützige Vereine wie die Tafel abgegeben, welche mit dem streitbaren Schritt aktuell keine Ausländer mehr aufzunehmen, auch in erster Linie ihre Hilflosigkeit der steigenden Masse der Bedürftigen gegenüber, unter Beweis stellt? Tatsächlich kann der Ausschluss einer Bevölkerungsgruppe zu den Tafeln in Essen und Marl zu recht kritisiert werden, vielleicht aber führt der Anlass den Blick der Öffentlichkeit und der Politiker aber auch einmal auf die gerne ignorierten Ränder der Gesellschaft. Eben dann, wenn für die in Armut in Deutschland lebenden Menschen noch nicht einmal mehr genug Suppe da ist.