Kultur als geteiltes Erbe – Die Kunst beschäftigt sich jetzt mit ihrer Herkunft.

Foto von einer Ausstellung des bekannten Kunstwerkes, Mona Lisa von Leonardo da Vinci.
Foto von einer Ausstellung des bekannten Kunstwerkes, Mona Lisa von Leonardo da Vinci.

Die Archive vieler europäischer Museen sind voll von Kunst aus ehemaligen Kolonien.

Über ihre Herkunft und den Umgang mit diesen Objekten wird gegenwärtig diskutiert. Eine Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron hat diese wichtige Debatte weiter befeuert. Die sogenannte Provenienzforschung gibt ihr den wissenschaftlichen Unterbau – aber wie gehen wir politisch damit um?

Kunst und Kolonialismus
Dass es „niemals ein Dokument der Kultur“ gab, das nicht „zugleich ein solches der Barbarei“ war, lässt sich bereits bei Walter Benjamin nachlesen. Der an Kunst interessierte Philosoph machte damit auf den Doppelcharakter der schönen Künste aufmerksam. In Herrschaftsverhältnisse war sie immer schon eingebettet. Für jene Kunst, die in unseren Museen steht, trifft das sehr unmittelbar zu. Eine Vielzahl von historischen Objekten aus den Archiven europäischer Museen kommt gar nicht aus Europa, sondern aus ehemaligen Kolonien. Als eine Art Beutekunst fanden viele Objekte während des Kolonialismus ihren Weg nach Europa. Heute fordert manches Land seine Objekte zurück. Nicht nur die bekannte Debatte um die Totenschädel ermordeter Herero spielt hierbei eine Rolle. Auch viele andere Objekte wurden in ihren Ursprungsländern entwendet oder gehören zum historischen Kulturkanon der ehemaligen Kolonie. Wie kann ein Museum aus einem anderen Land dann einen vernünftigen Anspruch auf die Objekte anmelden.

Emmanuel Macron hält wichtige Rede
Ende 2017 hat sich der französische Präsident Emmanuel Macron in der Hauptstadt von Burkina Faso zum Thema geäußert. In einer öffentlichen Rede in der ehemaligen französischen Kolonie äußerte er sich zur gegenwärtigen Debatte um die Kunst und ihre Herkunft. Dabei wählte Macron einen neuen Weg, bei dem es sich nicht nur um Rhetorik handeln dürfte. Das französische Staatsoberhaupt sprach vom geteilten Erbe. Er hält damit nicht mehr an den bloßen Besitzverhältnissen der Institutionen fest. Gefordert ist die genauere Auseinandersetzung. Sie umfasst nicht nur die genaue Prüfung der Herkunft und des historischen Erwerbs von Objekten. Auch die Frage nach dem Umgang von Objekten, die beiden Ländern gehören, wird damit aufgeworfen. Während Objekte, die unter die Kategorie der kolonialen Beutekunst fallen, zurückgegeben werden müssen, fällt die Geschichte in anderen Fällen uneindeutiger aus. Bei geteiltem Erbe müssten die Länder dann über Abkommen zu Kunst und Kultur nachdenken. Mit diesen könnte gesichert werden, dass Institutionen beider Länder zu Ausstellungszwecken ein Zugriff auf Objekte eingeräumt wird.

Wissenschaftliche Forschung untermauert aktuelle Debatte
In der Forschung gibt es zur regen Debatte auch bereits eine eigene Disziplin. Es ist die Provenienzforschung. Sie kümmert sich um die Herkunft von Objekten. Während sich dieser Zweig der Kunstgeschichte früher vor allem mit der Raubkunst des Nationalsozialismus beschäftigt hat, befassen sich die Forscher gegenwärtig mit neuen Bereichen. Die Kolonialzeit und ihre kunsthistorischen Auswirkungen rückt in ihren Blick. Wenn die Ergebnisse entsprechender Forschungsprojekte da sind, könnte dies durchaus Folgen für manches Museum haben. Der Druck, einzelne Objekte wieder an ihre Herkunftsländer abzugeben, könnte wachsen. Bei unklaren Besitzverhältnissen könnte sich auch mancher Rechtsstreit um die Überlassung ergeben. In jedem Fall ist es gut, wenn die Institutionen sich bereits jetzt mit der Herkunft ihrer Objekte auseinandersetzen. Sie sollten hier aktiv und selbstbewusst auftreten. Die problematische Geschichte macht die Objekte auf ihre Weise auch wieder interessant für eine öffentliche Auseinandersetzung. In gewisser Hinsicht steigt so auf indirektem Weg auch das Interesse an der Auseinandersetzung mit Kunst wieder.