Phänomen „Falsche Erinnerungen“.

Symbolbild für: "Falsche Erinnerungen".
Symbolbild für: "Falsche Erinnerungen".

Das Phänomen „Falsche Erinnerungen“ gibt es tatsächlich.

Der amerikanische Psychologe Ulric Neisser erinnerte sich genau daran, dass er die Nachricht über den Angriff auf Pearl Harbor im Jahr 1941 in einer Unterbrechung einer Baseballspiel-Übertragung im Radio gehört hatte. Viele Jahre später wurde ihm klar, dass an dieser Erinnerung etwas nicht stimmt: Amerikanische Baseball-Spiele finden nie im Dezember statt, in dem sich aber der Angriff auf Pearl Harbor ereignete.

Wie ist das möglich?
Was kann beim Erinnern schieflaufen? Zu Beginn des Gedächtnisprozesses werden die eingehenden Reizinformationen in einen neuronalen Code umgewandelt. Dann wird dieses codierte Material gespeichert, bis es irgendwann gesucht wird, um die darin enthaltenen Informationen abzurufen.

So weit, so klar.
Doch seit langem ist bekannt, dass das Gehirn unsere Wahrnehmungen oft nicht in ihrer Originalversion speichert, sondern diese auch interpretiert. Mal sind es Schlussfolgerungen, die das Gehirn zusammen mit den Wahrnehmungen speichert, als seien dies Tatsachen. Mal wird neues Material mit einem interessanten, aber falschen Schema verknüpft. Dabei werden Details wahlweise vereinfacht, besonders hervorgehoben oder so verändert, dass sie möglichst gut in das Schema passen.

In einem Experiment der britischen University of Warwick ist es gelungen, Testpersonen mit der Unterstützung von Komplizen aus ihren Familien falsche Kindheitserinnerungen „unterzujubeln“. Die Probanden wurden mithilfe von Fotos, die vorher vom Computer manipuliert worden waren, zu angeblichen Ereignissen befragt. So erinnerten sich mehrere Versuchspersonen an eine Heißluftballon-fahrt, die nie stattgefunden hatte und konnten von diesem „Erlebnis“ im Detail berichten. Manche erinnerten sich sogar an den Fahrpreis, der damals zu bezahlen war. In einem späteren Experiment wurde nachgewiesen, dass Testpersonen auf die Suggestion durch schriftliche Beschreibungen erfundener Ereignisse anstelle von Fotos noch häufiger reagieren.

Doch es sind nicht allein Kindheitserinnerungen, bei denen Nicht-Ereignisse konstruiert werden können. In einem Experiment am Williams-College in Williamstown (Massachusetts) wurden Personen zu Unrecht beschuldigt, sie hätten durch Betätigen einer bestimmten Tastenkombination einen Computer funktionsunfähig gemacht. Als ein Verbündeter des Versuchsleiters behauptete, diese Eingabe „ganz sicher“ beobachtet zu haben, räumten die Testpersonen ihren vermeintlichen Fehler ein und verwiesen auf die Umstände, die dazu führten. Mit den passenden Rahmenbedingungen ist es also nicht schwer, Menschen dazu zu bringen, die Schuld für eine nicht begangene Tat auf sich zu nehmen.

In dem 2016 erschienenen Buch „Das trügerische Gedächtnis“ geht die Psychologin Julia Shaw dem Phänomen der falschen Erinnerungen auf den Grund und verdeutlicht, warum es beim Erinnern so leicht zu Fehlern kommt und unter welchen Umständen es gelingen kann, die Erinnerungen anderer Menschen gezielt zu manipulieren.

In der Tat funktioniert dies nicht immer.
An der Universität von Washington in Seattle wurde in einem Experiment den Versuchspersonen eingeredet, ihnen sei als Kind von Erdbeereis und von Schokoladenkeksen oft übel geworden. Daraufhin wollten viele der Probanden dem Erdbeereis abschwören. Bezüglich der Schokoladenkekse funktionierte dieser Manipulationsversuch dagegen nicht. Offensichtlich erschien den Versuchspersonen diese Geschichte zu unglaubwürdig.