Renaissance der Mediaevistik.

Bild von einem Buch aus der Zeit des Mittelalters.
Bild von einem Buch aus der Zeit des Mittelalters.

Das Mittelalter inspiriert die Fantasy der Gegenwart.

Einen breiten Interessentenkreis hatte die Forschung über die Literatur des Mittelalters nicht immer. Für die Mediaevistik – wie ihr korrekter Forschungsname lautet – konnten sich Studierende der Literaturwissenschaft nicht immer erwärmen. Seit einigen Jahren jedoch erhält sie regen Zulauf. Mit ihren vielfältigen Erzählstoffen und Heldengeschichten inspirieren Texte des Mittelalters die Fantasy der Gegenwart. Das interessiert sowohl die Leserschaft wie auch Studierende.

Die mittelalterliche Literatur bietet ein vielfältiges Material
Im Literaturkanon der Schulen kommt die Literatur des Mittelalters nur an wenigen Stellen vor. Dass es sprachliche Barrieren gibt, wirkt als zusätzliche Hürde beim ersten Kontakt zu einem mittelalterlichen Text. Als historische Vorform des Neuhochdeutschen entspricht das Mittelhochdeutsch der damaligen Zeit nicht unserer heutigen Sprache. Das bedeutet, dass man sich die Sprache für ein genaues Verständnis erst einmal aneignen muss. Wer diese Zeit nicht hat, kann alternativ auch zu Übersetzungen greifen. Die bekanntesten Texte aus dem Mittelalter liegen auch in einer Übersetzung vor. Bei der genaueren Beschäftigung mit dem Material wird deutlich, dass auch das Mittelalter viele hoch interessante Texte produziert hat. In den letzten Jahren hat sich die Forschung dabei zunehmend von der Konzentration auf einen Kanon mit wenigen wichtigen Texten verabschiedet. Forscher haben immer mehr Materialien gesichtet und sich von einer festen Einordnung in bestimmte Gattungsgrenzen verabschiedet. Auch gerade Texte, die zuvor als literarisch minderwertig betrachtet wurden, stießen dabei auf großes Interesse. Durch diese Vorgehensweise der Forscher wurde die Vielfalt der mittelalterlichen Textproduktion erst richtig deutlich. Auf die sogenannten Fatrasien stieß man dabei unter anderem. Diese Texte sind eine Art mittelalterliche Unsinns-Poesie, die sich wie ein Vorläufer der späteren Dada-Bewegung liest. Manche Texte wiederum haben die Qualität eines Drehbuchs für einen modernen Action-Film, andere liefern sogar die direkte Vorlage für den Plot mancher Fantasy-Serie. An genau dieser Stelle wiederum wird das Material für die Gegenwart interessant.

Ein Held in seiner eigenen Welt – Abenteuer vom Feinsten
Die mittelalterlichen Texte stellen Vorlagen für viele moderne Erzählstoffe der Gegenwart dar. Das spannende dabei: Sie haben eben nicht nur die Hochkultur mit ihren Plots beeinflusst. Auch und gerade in vermeintlich lockeren Unterhaltungsformaten lassen sich viele Beispiele finden, die auf Stoffe dieser Zeit zurückreichen. Das grundsätzliche Format eines Helden, der eine Reihe von Abenteuern in der Welt bestehen muss, hat sich etwa erhalten. Viele der Muster, die in den alten Texten auftauchen, wurden in modernes Kino übersetzt. Und es sind längst nicht nur Formate wie das Mittelalterspektakel Game of Thrones, die aus der Mediaevistik bekannte Formate aufgegriffen haben. Zukunfts-Fantasy wie Star Wars orientieren sich ebenfalls an manchem Muster aus den alten Texten. Aber auch Filmreihen wie James Bond agieren nach ihrem Beispiel. Der Agent wird auf seinem Weg mehrfach auf Proben gestellt. Das besondere Umgarnen von Frauen lässt sich ebenfalls bereits den alten Texten entnehmen. Wenn hier auch von der „Minne“ und nicht vom „Bond-Girl“ die Rede ist, so versteckt sich doch die gleiche Grundstruktur dahinter. Der Held wird mehrfach auf Proben gestellt. Es gibt einen Wechsel zwischen Flirt und Action, sowie ein amouröses Abenteuer am Ende.

Die Mediaevistik greift Gegenwartsbezüge bewusst auf
In der Forschung hat man begriffen, dass Gegenwartsbezüge wie diese, junge Menschen für das eigene Arbeitsfeld begeistern können. Die Beschäftigung mit der besonderen Rezeption mittelalterlicher Literatur wurde zuletzt in einer ganzen Reihe von Arbeiten aufgegriffen. Sowohl mit wissenschaftlichen Forschungsprojekten und Konferenzen wie auch mit Publikationen hat sich die Disziplin dem Arbeitsfeld gewidmet. Ende letzten Jahres erst erschien der von Nathanael Busch und Hans Rudolf Velten herausgegebene Sammelband über „Die Literatur des Mittelalters im Fantasyroman“. Forschungen wie diese unterstreichen auf ganz neue Art die besondere Relevanz der Mediaevistik. Auch vielen Serienfans unserer Zeit dürfte die Relevanz der Mediaevistik für die Gegenwart damit einleuchten.